Blog · 11. Juli 2026

"Wir haben von uns ein viel schlechteres Bild, als es die Realität ist": Was ein KI-Berater über Deutschland weiß

Maximilian Moehring spricht täglich mit den CEOs der deutschen Wirtschaft. Sein Befund widerspricht fast allem, was man über Deutschland und KI zu wissen glaubt: Wir sind vorne dran, nur bei den falschen Fragen.


Maximilian Moehring ist CEO von DECAID, einer der führenden Gen-AI-Beratungen im deutschsprachigen Raum. In der ersten Folge von Agenda 2036 erklärt er, wo Deutschland bei KI wirklich steht, nicht die LinkedIn-Version, sondern die echte. Die wichtigsten Aussagen aus dem Gespräch.

Ist Deutschland bei KI wirklich abgehängt?

Nein, das ist laut Moehring der größte Irrtum der Debatte. “Wenn wir uns die OpenAI-Nutzerzahlen in Europa anschauen, ist Deutschland Top 1, ganz vorne dran, auch was Adoption-Rates angeht. Wir haben von uns selber ein viel schlechteres Bild, als es in der Realität ist.” Auch bei industrieller KI, Stichwort Digital Twins, etwa in der Partnerschaft zwischen Siemens und Nvidia, gehöre Deutschland zu den führenden Nationen.

Die ehrliche Einschränkung: Bei der Grundlagentechnologie, der Infrastruktur und den Standards spielt die Musik außerhalb Europas. Deutschlands Stärke liegt in der Anwendung, nicht im Fundament.

Was ist Schatten-KI, und warum betrifft sie jedes Unternehmen?

Moehrings zentrale Warnung an Geschäftsführer: Die Frage ist nicht, ob im Unternehmen KI genutzt wird. Sie wird längst genutzt. “Wenn ich als Unternehmen noch nicht KI eingeführt habe, dann nutzen meine Mitarbeitenden KI, die nicht von uns kommt und nicht von uns in einem Rahmen definiert wurde. Da sprechen wir von Schatten-KI.” Im schlimmsten Fall wandern Firmeninterna in kostenlose ChatGPT-Accounts.

Seine Konsequenz: Unternehmen müssen einen Rahmen definieren und Tools bereitstellen, und diese Tools müssen mindestens so gut sein wie die kostenlose Version, die jeder privat hat. Ein “Firmen-GPT”, das nur in 10 bis 20 Prozent der Fälle Mehrwert erzeugt, verliert gegen den privaten Account.

Warum KI kein zweites Blockchain ist

Moehring kommt selbst aus der Blockchain-Welt und kennt den Einwand “alles nur Hype”. Sein Unterschied in einem Satz: der Use Case. “Bei KI ist es: Ich habe einen Anwendungsfall, der kostet mich so viele Stunden oder so viel Geld, und mit KI kostet er mich nur noch einen Bruchteil. Das ist der signifikante Unterschied zwischen diesen beiden Technologien.” Blockchain argumentierte über Technologie, KI rechnet sich über Ökonomie.

Verschwinden die Firmen und die Jobs?

Moehrings Antwort auf die Frage, ob es 2036 noch Unternehmen gibt, ist nüchtern: Ja, weil Haftung Menschen braucht. “Software ist nicht haftbar. Wir brauchen Entitäten in juristischer oder menschlicher Form, die für die Haftung vorhanden sind.”

Die Arbeit selbst verändert sich dafür umso mehr: “Wir gehen viel mehr in die Orchestration, wir organisieren und delegieren viel mehr und führen viel weniger selber aus.” Für ihn keine Revolution, sondern eine Evolution wie beim Übergang von der Landwirtschaft in die Fabriken: Rollen verschwinden nicht, sie verschieben sich. Im Rapid-Fire-Segment wird er trotzdem konkret: Auf die Frage, wie viel Prozent der heutigen Jobs es 2036 noch gibt, antwortet er: “33 Prozent”.

Welche Skills zählen dann noch?

Die vielleicht wichtigste These der Folge: “Wir werden einen Shift erleben von Hard Skills zu Soft Skills. Bisher waren in der Wertschöpfung vor allem die Hard Skills relevant und die Soft Skills im besten Fall Beiwerk. Hier werden wir genau eine Umkehr erleben.” Care-Arbeit und Zwischenmenschliches bekommen einen höheren Preis.

Und für Berufseinsteiger, die gerade zusehen, wie Unternehmen weniger Juniors einstellen, hat Moehring ein bemerkenswertes Gegenargument: “Im KI-Bereich sind wir alle Juniors. Dort ist der Startpunkt für alle gleich. Und dort habe ich als Junior auch die absolut besten Chancen, eine Stelle zu bekommen.” Sein Rat: neben Studium oder Job eine nachweisbare KI-Qualifikation aufbauen, als Generalist, nicht als Spezialist für ein einzelnes Tool, denn welche Tools sich durchsetzen, ist offen. Er selbst würde nicht einmal darauf wetten, “dass OpenAI in drei oder fünf Jahren noch ein relevanter Player ist”.

Beim Einstellen wiederum achtet er auf eine einzige Eigenschaft vor allen anderen: Adaptionsfähigkeit. “Die nächsten Jahre werden hochdynamisch. Ich brauche die Felsen in der Brandung, die Personen, die die Ruhe reinbringen.”

Die 10 Fragen für das Jahr 2036

Moehrings Rapid-Fire-Antworten in Kürze: Nur noch 33 Prozent der heutigen Jobs. Menschen werden im Schnitt schlauer. Die Finanzbranche löst sich auf. Ein Studium lohnt sich nur noch aus privaten Gründen. Wir arbeiten unverändert viel, reisen aber weniger. Programmieren werden alle Menschen, einen eigenen Roboter bekommen nur die Reichen. Alle Antworten mit Kontext gibt es im Thesen-Netz.

Das ganze Gespräch: Folge 01 mit Maximilian Moehring.

← Alle Artikel